Unser Kirchenchor

Seit 1948/49 steht der Chronist dem Kirchenchor als Organist und Chorleiter vor und hat viel Freud und Leid mit den Mitgliedern geteilt. Viele brave Sänger und Sängerinnen leben heute nicht mehr, die dem Chor und der Kirche oft durch viele Jahre treu gedient haben.

Immer wieder war ein Neuaufbau notwendig, und die Nachwuchssorgen rissen nie ab. Durch die liturgische Erneuerung ist der Kirchenchor in eine Existenzkrise geraten und es bedurfte großer Anstrengungen, den Chor über eine doch lange „Durststrecke“ zu erhalten. Heute liegt die Bestandskrise auf einer anderen Ebene. Da ist einmal die Überalterung des Chores, denn das Durchschnittsalter liegt bei 45 Jahren, und alle Bemühungen, dem Chor neue Sänger zuzuführen, schlugen fehl. Es mangelt an der Bereitschaft, der Kirche in irgendeiner Form zu dienen, Opfer auf sich zu nehmen, einen Gemeinschaftsdienst zu leisten. Im Kirchenchor sind Mitglieder, die auch anderweitig, ob in der Musikkapelle oder im Männerchor, verpflichtet sind. Dieser Umstand trägt in sich den Konfliktstoff der Überforderung. Der Chronist hat bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Existenzproblematik hingewiesen, hat eindringlich gemahnt, seine Nachfolgefrage früh genug einer Lösung zuzuführen und hat den Kontakt zur Jugend gesucht, um die Nachwuchssorge abzubauen. Aber all seine Bemühungen blieben im Ansatz stecken, weil man es einfach nicht wahrhaben will, daß der Kirchenchor auch innerhalb der Gemeinde einen notwendigen, kulturellen Platz einzunehmen, daß er Aufgaben zu erfüllen hat, die man im Endeffekt auch nicht missen will: Seinen Beitrag bei allen hohen kirchlichen Festen, bei Hochzeiten und Beerdigungen und eben dazusein, wann immer man den Kirchenchor braucht. Der Chronist, als Organist und Chorleiter, ist bereits in einem Alter, bedingt durch die zunehmende Schwerhörigkeit, wo er längst seine Funktion in jüngere Hände übergeben sollte; aber sein Bemühen, einen Nachfolger zu finden, blieb ungehört. Vielmehr verdichtet sich mehr und mehr die Einstellung, daß es nach seinem „Abgang“ eben keinen Kirchenchor mehr geben wird. Diese Zukunftsaussicht ist wahrlich nicht erfreulich.

Wenn man die Verhältnisse in anderen Gemeinden kennt und staunt, wie junge Leute, auch wenn sie bereits anderweitig verpflichtet sind, sich zum Kirchengesang drängen, ja sogar auf eine Warteliste gesetzt werden, dann muß man fast neidvoll den schöpferischen Gemeinschaftsgeist in anderen Pfarren wahrnehmen. Der Chronist hat sich nie dagegen gesperrt, wenn die Jugend nach einer „rhythmischen Meßgestaltung“ verlangte. Dies war immer als Auflockerung und Abwechslung willkommen und wurde auch so angenommen, aber dahinter steckt keine Lösung auf Dauer. Was bleibt, ist die Sorge!

Durch den Kirchenumbau, durch den Wegfall der alten Chorempore und durch die Schaffung einer neuen, zentralen Chorempore trat der Kirchenchor wieder mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, auch als echter Klangkörper bei der Gottesdienstgestaltung. Dankenswerterweise setzte sich beim Männerchor die Einsicht durch, daß auch der Kirchenchor ein Kulturträger innerhalb der Gemeinde sein kann, daher fand sich auch eine begrenzte Zusammenarbeit, fanden sich Sänger, die die Männerstimmen verstärkten. Das auslösende Moment war sicher die musikalische Vorbereitung auf die Kirchweihe am 20. Dezember 1975.

Erfreulich war immer die gute Zusammenarbeit mit den Bläsern und dem Kapellmeister der Musikkapelle. Nachdem die Streicher-Tradition (noch unter Oberlehrer Sebastian Rom und in Ansätzen unter Obl. Toni Katschthaler) immer mehr verblaßte, traten an ihre Stelle die festlichen Harmonie- und Bläsermessen. Neues wurde einstudiert und Überlebtes beiseite gestellt.

Als der Chronist 1948/49 als blutjunger Lehrer die Chorleitung übernehmen mußte, begann er praktisch am Punkte Null, denn von seiner Lehrerausbildung her (bedingt durch die nationalsozialistische Ära) besaß er überhaupt keine Kenntnisse im Orgelspiel, in der Chorleitung und im Dirigieren. Er übernahm ein schweres Erbe, denn seine Vorgänger, Oberlehrer Sebastian Rom und SR. Toni Katschthaler, waren Vollblutmusiker, und daher wurde er ständig an deren Leistungen gemessen. Das war hart und zwang ihn, schrittweise zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, das Vertrauen zurückzugewinnen, um dem Chor ein neues Denken und neue Erfolge zu geben. Der Chronist mußte es geschehen lassen, daß nach dem Weggang von SR. Katschthaler einige Kirchenchormitglieder den Chor verließen. So mußte er bei den Schülern der Volksschul-Oberstufe und mittels einer Chorklasse jenen Nachwuchs heranbilden, um dem Chor die notwendige Verstärkung zu geben. Der Vater des Chronisten, Franz B. Kirchmair, war zwar Kirchen-Chorregent, Leiter der Musikschule und Organist der Heldenorgel in Kufstein, war selbst Komponist auf dem Gebiete der Kirchen- und Orgelmusik und half in den Kriegsjahren nach 1941 wiederholt in Schwoich als Chorleiter aus, nachdem Obl. Rom seine Tätigkeit in der Kirche niedergelegt hatte; und sein Sohn stand in seinem Schatten mit einer recht mäßigen musikalischen Begabung. Was der Chronist heute kann und was er in den letzten 40 Jahren geleistet hatte, kam nicht von leichter Hand. Er mußte sich alles sehr mühsam erarbeiten, kannte seine Grenzen, und erst spät bekam er den anerkennenden Rückhalt seitens des Kirchenchores. Bei der Übernahme fand er meist veraltetes, mitunter unliturgisches und verkitschtes Notenmaterial vor; z. B. Messen von Güttler, Raimann, Schöpf und Obersteiner u. a. Dem Rat seines Vaters folgend, bemühte er sich, bekanntere und neuere Kirchenkomponisten dem Chor nahezubringen, z. B. Franz Gruber, V. Goller, Faist, Filke, Lemacher, Straßenberger, Klier, Titel, Kronsteiner u. v. a. Auch trat die Motette, das deutsche Kirchenlied, der A-cappella-Gesang, kurzum das anspruchsvollere Liedgut immer mehr in den Vordergrund. Da mußte manch „stiller Kampf“ ausgefochten werden, um vor allem die älteren Kirchenchormitglieder für das neue Liedgut zu gewinnen.

Schwierig wurde die Situation durch die Forderungen des Vatikanischen Konzils, die leider völlig falsch interpretiert wurden, die dem Volksgesang mehr Beachtung beimaßen und Forderungen erhoben, die dem herkömmlichen Chorgesang widersprachen. Der Gedanke, der Gottesdienstbesucher solle mehr und aktiver mit in der Liturgie eingebaut werden (als Lektor, Kantor, im Volksgesang, mit dem neuen Kirchenbuch „Gotteslob“), war gewiß zielführend, doch in der Praxis schwer zu verwirklichen. Man suchte die Annäherung zum protestantischen Liedgut, zum protestantischen Gemeindegesang und unterschätzte die barocke Mentalität der Menschen im süddeutschen und österreichischen Raum. Wenn nicht die Kirchenchormitglieder sich unters Kirchenvolk mischen würden, wäre und bliebe der Volksgesang kläglich und unbefriedigend, denn die Männer lassen fast ganz aus, und die Hauptschüler stehen vielfach fern vom Gottesdienst und kennen nicht das übertragene Liedgut. Die Welle der Erneuerung ist inzwischen etwas abgeklungen, hat sich auf ein bestimmtes Maß eingependelt, und dort, wo ein Kirchenchor nicht „abgestorben“ ist, erhielt er wieder eine neue Wertordnung. Der Kirchenchor wird durch den Volksgesang nicht mehr so stark gefordert wie vor dem Vatikanischen Konzil, kann sich auf die Schwerpunkte im Kirchenjahr besser konzentrieren und seine Gestaltungsrolle stärker zum Ausdruck bringen.

Mit dem Umbau der Kirche ist auch die alte „Sappl-Orgel“ abgerissen worden. Niemand wird ihr eine Träne nachweinen, der Chronist am allerwenigsten. Bisher sind seine Hoffnungen, wenn der Kirchenumbau einmal abbezahlt ist, eine neue Orgel in Auftrag zu geben, nicht in Erfüllung gegangen. Es fand sich ein Spender, Herr Sebastian Seisl (ein gebürtiger Schwoicher) von Kitzbühel, der der Kirche eine elektromagnetische Orgel spendierte und sich damit ein „Denkmal“ setzte. So kam die Pfarre im Herbst 1976 in den Besitz einer „Orgel“, die letztlich auch vom Klang her kaum einer barocken Orgel entspricht. Inzwischen haben sich die Schwoicher an den Orgelklang längst gewöhnt, und man würde den Wunsch nach einer „richtigen Orgel“ kaum verstehen, obwohl in den umliegenden Gemeinden, z. B. in Bruckhäusl, Söll, Thiersee oder Rattenberg trotz hoher Umbau- oder Renovierungskosten auch das Geld für eine neue Orgel aufgebracht wurde. Dieses Gewöhnungsprinzip belastet den Kirchenchor auch in der Form: Mögen Aufführungen noch so gut gewesen sein, das „Echo“ des Kirchenvolkes bleibt meist aus. Eher sind es die Gäste, die sich zu einem Lob bekennen. Sehr selten nimmt man es wahr, wieviel Probearbeit (vom Oktober bis Mitte Juni) notwendig ist, um den Anforderungen gerecht zu werden. Sorge bereitet auch der Gedanke, was wird sein, wenn der Organist ob seiner Schwerhörigkeit die Leitung des Kirchenchores abgeben muß. Wird es dann noch einen Kirchenchor geben; ist es jetzt schon schwer genug, die Chorgemeinschaft zusammenzuhalten. Die Nachfolge ist völlig offen. Aus der Lehrerausbildung kommen keine Lehrerorganisten und Chorleiter mehr hervor; anderseits steckt darin kein Nebenverdienst, und wer ist in Zukunft schon bereit, an Sonn- und Feiertagen, auch werktags zur Verfügung zu stehen?

Quelle: Das Schwoicher Dorfbuch, Seite 460461 von Professor OSR. h. c. Fritz Kirchmair, 1988

Um 1910: Kirchenchor Gruppenfoto

Um 1910: Kirchenchor unter Oberlehrer Anton Aichner (v. I. n. r.) — Herren: Johann Oberhofer (Veiten), Obl. Anton Aichner (Organist und Chorleiter), Matthias Strasser (Zeindl); Damen: Maria Rieder, Therese Daxenbichler (geb. Grindhammer), Therese Gschwentner (geb. Payr), Anna Payr, Anna Exenberger (geb. Rieder).

Quelle: Das Schwoicher Dorfbuch, Seite 465 von Professor OSR. h. c. Fritz Kirchmair, 1988

Vor einer Überbewertung des Volksgesangs muß man warnen, denn er war immer ein Problem. Ob viel oder wenig gesungen wird, ist zum Teil auch Mentalitätssache. In Österreich wird sicher weniger intensiv in den Kirchen gesungen als in deutsch evangelischen Landstrichen, obwohl der österreichische Volksstamm erwiesenermaßen nicht unmusikalisch ist. Die Geschichte des evangelischen Gemeindegesanges zeigt außerdem, daß er dort immer in direktem Zusammenhang mit dem Chorgesang stand, der im reformatorischen Verständnis ebenfalls Gemeindegesang ist. Volksgesang kann daher nie den Chorgesang ersetzen. Realität ist leider, daß durch die Überbewertung des Volksgesanges die Kirchenchöre zum Aussterben verurteilt wurden. Da man ihre Notwendigkeit nicht mehr einsah, bemühte man sich auch nicht mehr um sie. Dadurch wurde aber der Volksgesang nicht besser. Es ist auffällig, daß in chorlosen Pfarrgemeinden oft der Trivialismus einkehrt. An die Stelle des verfemten Chores treten „Bands“ und ihre „Solisten“, deren Showgehabe nur eine Nivellierung nach unten bewirkt. Es fehlt eine Theologie der Musik. Die Zukunft der Kirchenmusik hängt mit davon ab, wie die Theologie zu ihr steht.

Ein weiterer Hemmschuh für eine gesunde Entwicklung der Kirchenmusik ist die mißverständliche Übertreibung des Prinzips der „Participatio actuosa“ im Sinne einer Dauerbeschäftigungstherapie für die Kirchenbesucher. Diese „tätige Teilnahme“ soll zu einem intensiven Glaubensleben führen, doch ist Anteilnahme normalerweise die Frucht eines intensiven Glaubenslebens und nicht umgekehrt. Wenn es nicht gelingt, das Christentum als solches glaubwürdiger zu machen, helfen auch alle liturgischen Aktivitäten nicht, da alles, was wir tun, zur formellen Erstarrung in Gewohnheit neigt. Es kehrt in vielen Kreisen schon die Einsicht ein, daß nicht nur der Verstand, sondern auch das Gemüt angesprochen werden muß und auch das Hören und die stille Andacht ihren Rang im liturgischen Geschehen haben. Ausgehend von einem gesunden Gleichgewicht von Volksgesang und Chorgesang, von Belehrung und Erhebung des Gemüts sind alle positiven Entwicklungen offen, aber man muß sie wollen. Deutsche Ordinarien, die es auch im Wechsel mit dem Chorgesang gibt, können die Pfarrgemeinde nur wenig „begeistern“, denn sie ist kein Gesangsverein. So schön der Gedanke des wechselweisen Singens ist, so mühsam ist seine Durchführung. Dabei spielt die Entfernung (Chorempore und Kirchenvolk) ein unübersehbares Hindernis. Da das Wunschdenken Vorrang hat, kann nur wenig verwirklicht werden und die Gottesdienstgestaltung verarmt. Man soll sich durch Radio- und Fernsehübertragungen, wo eine neue Form „durchexerziert“ wurde, nicht täuschen lassen. Die vorpraktizierten rhythmischen Messen, das entliehene Lied gut fremder Kulturen, können höchstens ein Experiment sein, aber kein bodenständiger Ersatz.

Wenn die liturgische Praxis aus dem Extremen wie der den Weg zur Mitte findet, die Theologie ein positives Verhältnis zur Musik und Kunst von den Fundamenten her sucht, die Musik selbst den Weg in das Offene beschreiten kann, wird auch eine neue Blütezeit der Kirchenmusik möglich. Dann wird es sich erweisen, daß es nicht wichtig ist, vordergründig aktuell zu sein, sondern wesentlich ist, das Richtige getan zu haben.

Quelle: Das Schwoicher Dorfbuch, Seite 467468 von Professor OSR. h. c. Fritz Kirchmair, 1988

Chorleitung

über die Jahre

1834 Sebastian Bletzacher

1858 Blasius Wimmer

1875 Johann Weiß

1878 Alexander Koch

1888 Simon Kainzner

1889 Hans Gunsch

1895 Johann Warscher

1901 Anton Aichner

1921 Sebastian Rom

1945 Anton Katschthaler

1948 Fritz Kirchmair

1990 Alois Roncat

1996 Jakob Gschwentner

2006 Jochem de Wit

2013 Alois Roncat

2015 Regina Mayer

Kirchenmusikalien

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